Reisebericht Miskolc (Ungarn) vom 17.-19.07.09
von Cani F.A.I.R.

CaniFAIR: Tierschutzverein der Tieren aus Ungarn hilft

Prolog

Freitag, 17.07.09, 17:04 h

Inka, Alexandra und Christoph schwitzten. Vor ihnen lag ein halber Mann. Nur noch die in einer blauen Arbeitshose steckenden Beine ragten unter dem Motorblock des Canifair-Transporters hervor. Otto, Chef der einzig um diese Zeit noch offenen Auto-werkstatt von Györ, kümmerte sich persönlich um diesen Fall. Er hatte in seiner langen Berufslaufbahn wohl schon tausenden von Trabanten und Moskwas neues Leben eingehaucht. Warum nicht auch dieser verdammten Klimaanlage eines Iveco-Daily? Otto erschien wieder in voller Größe. Emotionslos kam die vernichtende Diagnose:

"Klima kaputt, fest gefahren, kann nix machen". Die drei Deutschen schauten verwirrt. Was sagte dieser Sohn der Puszta da? Konnte das denn wahr sein? Was sollte aus den Hunden werden? Doch Ottos Urteil stand fest wie in Stein gemeißelt. Niemand in ganz Györ hätte gewagt, ihm zu widersprechen. Auch die Tierschützer beugten sich diesem ungeschriebenen Gesetz und setzten sich, nach Entrichtung der Diagnosegebühr, wortlos in ihren Wagen und fuhren weiter Richtung Miskolc. Wie sollte das nur weiter gehen?

13 Stunden vorher

Pünktlich um 4.00 Uhr verließ der Transporter der Tierschutzorganisation Canifair den Parkplatz vorm alten Bahnhof in Niederrossbach am Westerwald. An Bord Inka und Alexandra. Ein PKW folgte den Beiden. Christoph, der 3. Mitfahrer, sollte den Wagen, der die drei am folgenden Sonntag, nach getaner Arbeit wieder nach Hause bringen sollte, am Rasthof Limburg-Ost platzieren. Nachdem dies geschehen war, war die Crew komplett. 1250 km lagen vor Ihnen. Die drei kannten sich von der Hundeschule. Inkas Hund Face und der Dalmatinerrüde von Alexandra und Christoph waren ungefähr gleich alt. Einer dieser Zufälle des Lebens unterstützt von ein paar Flaschen Bier und dem Klassiker: "Kennen wir uns nicht irgendwo her?" hatte dazu geführt, dass sich die drei nun Jahre später gemeinsam auf der Fahrt ins Tierheim nach Miskolc befanden.

Die Fahrt verlief reibungslos. Die vielen Hilfsgüter vor allem Futter und Decken, aber auch Medikamente, waren am Vortag schon gut im Transporter verstaut worden. Am letzten Rastplatz vor der Österreichischen Grenze wurde das Pickerl gekauft. Nudelsalat und Frikadellen stärkten die Reisenden. Alles lief wie am Schnürchen. Na ja, die Klimaanlage hätte etwas besser arbeiten können. Aber darüber war bei angenehmen Außentemperaturen hinwegzusehen. Auch das klingelnde Geräusch aus dem Motorraum hätte zwar besser zur Weihnachtszeit gepasst, brachte aber keinen Anlass zur Sorge.

Österreich wurde zügig passiert. Allerdings knallte die Sonne inzwischen erbarmungslos vom Himmel. Komisch, die vor kurzem neu eingebaute Air-Condition schien eine andere Philosophie von angenehmen Temperaturen zu haben. Trotzdem, ein Unterschied zwischen einer Urlaubsreise und einer Tierschutzfahrt war nicht fühlbar – bisher.

 
Freitag, 17.07.09, 14.15 Uhr

Nickelsdorf, österreichisch-ungarische Grenze. Es knirschte. Der Iveco-Daily stoppte urplötzlich. Im Rückspiegel sah Christoph, dass sich beim Einparken ein Mercedes irgendwie in die Weg gestellt hatte. Wo kam der denn plötzlich her? Der rechte Hinterreifen des Transporters und der vordere linke Kotflügel des Mercedes schienen ein ziemlich intimes Rendezvous zu haben. Verwirrung, Aufregung. Zum Glück nicht viel passiert. Durch Vermittlung von Mustafa, eines kurdischstämmigen Wieners, der sich freundlicherweise einschaltete, wurde der Unfallgegner dazu überredet, den Schaden ohne Polizei mit Erstellung eines Unfallprotokolls und der Übergabe einer Versicherungskarte der von Canifair abgeschlossenen Versicherung abzuwickeln.

Durchatmen. Maut für Ungarn entrichten. Allerdings hatte sich das Klingeln unter der Motorhaube inzwischen zu einem wahren Glockenspiel entwickelt. Inka zückte ihre goldene, noch nie gebrauchte ADAC-Karte. Der zufällig am Ort des Geschehens anwesende Fahrer des österreichischen Verkehrsclubs wurde konsultiert. Ein Blick reichte dem Profi, um zu sehen, dass der Keilriemen der Klimaanlage nicht mehr existent war und die Scheiben nur noch vor sich hinscheppernden.

Zu denken, dass eine Klimaanlage schlecht funktioniert, ist das eine. Zu wissen, dass sie gar nicht läuft, ist das andere. Die Moral der drei Tierschützer sank. Das Thermometer stieg.

Nun hieß es, in der nächsten größeren Stadt in Ungarn eine Vertragswerkstatt anzufahren. Mit Hilfe der zwei an Bord befindlichen Navigationssysteme gelang dies problemlos.

 
Freitag, 17.07.09, 16.04 Uhr

Györ, Ungarn. Die Iveco-Werkstatt hatte vor einer halben Stunde Feierabend gemacht. Mit Hilfe des benachbarten Reifenhändlers konnte dann doch noch Hilfe mobilisiert werden. Die Reisegruppe bekam einen kleinen Zettel in die Hand gedrückt. Darauf eine Adresse und ein Name: Otto. Leicht frustriert, aber immer noch voller Hoffnung auf kühle Luft ging die Reise weiter zu Ottos Werkstatt.

 
Samstag, 18.07.09, 08.07 Uhr

Inka, Alexandra und Christoph schwitzten. Schon wieder. Immer noch. Das Frühstück im Hotel in Miskolc musste eine gute Grundlage für einen langen Tag bilden. Die Sonne stand schon wieder am blauen Himmel. Gestern Abend kurz vor zehn war das Canifair-Team endlich, nach fast 18-stündiger Odyssee und unerfolg-reichen Reparaturversuchen am Zielort 200 km nordöstlich von Budapest angekommen. Um 09.00 Uhr würde Nina, die gute Seele von Miskolc, die drei abholen und zum Tierheim bringen, damit die Hilfsgüter aus Deutschland abgeladen werden können.

Die Helfer des Tierheims erwarteten schon die Lieferung und luden mit geübter Hand die begehrten Sachspenden aus. Das Futterlager konnte wieder gut aufgefüllt werden.

Während Inka schon öfters Miskolc besucht hatte, war es für Alexandra und Christoph die erste Fahrt. Anhand der bekannten Bilder konnten sie sich schon eine gute Vorstellung machen. Dennoch waren diese Einfachheit und die durch den Erdrutsch zerrissene Anlage beeindruckend. Aber das eigentlich Beeindruckende waren die Hunde. Groß, klein, wuschelig, kurzhaarig, frech, zurückhaltend; ganz egal wie, jeder Einzelne für sich eine Hundepersönlichkeit.

Macher war bekannt durch die Bilder auf der Homepage. Christoph streifte durch die Zwingeranlagen. Die Hunde bellten. Aber nicht aggressiv. Vielmehr schienen sie zu rufen: "Schau mich an. Nimm mich mit!" Plötzlich absolute Ruhe, das Bellen verstummte, alle Hunde schauten ihn an. Die Zeit schien kurz still zu stehen, ein kalter Schauer lief ihm den Rücken runter. "Was wissen diese Hunde?"

Keine Zeit zum Verweilen, weiter ging es ins Einkaufzentrum, wo für die obligatorische Spende über € 500 von Canifair Futter gekauft wurde. Damit schnell zurück zum Tierheim.

 
Samstag, 18.07.09, 11:55 Uhr

Die erste Wolke erschien am Himmel.

Dennoch sollte es bis zum Abend dauern, bis der angesagte Regen endlich Abkühlung brachte.

Davor lag ein arbeitsreicher Tag im Tierheim mit Abladen der Futterspende, vorbereiten und Beschriften der Boxen für den Transport und Fertigmachen der Papiere. All dies wurde dokumentiert von einem ungarischen Filmteam, die einen Film über die Nothunde von Miskolc drehten. Dabei gab Inka ihr erstes großes Exklusiv-Interview.

Zwischendurch war immer mal wieder Zeit, durch die Zwingeranlagen zu gehen. Leckerchen verteilen, neugierige Köpfe streicheln, freundliche Worte flüstern. Jeder ging da seines Weges, um für sich ganz intime, eigene Momente mit den Hunden zu erleben. Gerne hätten sie jedem einzelnen versprochen, dass er ganz sicher beim nächsten Transport mit dabei wäre.

Die Entscheidung stand inzwischen. Die kurzzeitige Überlegung wegen der defekten Klimaanlage bereits am Samstagabend auf den Rückweg zu gehen, war in der Hoffnung auf kühleres Wetter am Sonntag verworfen worden. Wie sich heraus stellte, eine goldrichtige Entscheidung, da es am Samstagabend einen wahren Wolkenbruch gab, der das Verladen der Hunde unmöglich gemacht hätte.

 

Der Abend verging mit einem netten Abendessen in einem Restaurant zu dem Nina mit ihrem Mann und ihrem Sohn Peter, der ein ganz großer Sammler der Sanifair-Toilettenbons von Deutschen Autobahnraststätten ist (vielleicht dachte er ja, es hätte was mit Canifair zu tun), eingeladen hatten.

 
Sonntag, 19.07.09, 05:00 Uhr

Deutsche Pünktlichkeit. Natürlich trafen Alexandra, Inka und Christoph um Punkt 5.00 Uhr am Tierheim ein. Sie hatten die Nacht besser geschlafen als sie selber gedacht hatten. In ihrem Hotel fand nämlich eine Hochzeit mit ca. 200 Gästen statt. Zum Glück hatte das Brautpaar die wahrscheinlich schlechteste Band Ungarns engagiert, die nur einen Takt, eine Melodie, eine Lautstärke spielen konnten. Diese Beatles der Karpaten wiegten die drei in den Schlaf und führten sie durch die Nacht.

Die Helfer und das Filmteam standen im Tierheim bereits parat, so dass das Verladen der Tiere umgehend beginnen konnte. Der Name des Hundes wurde vorgelesen. Solly und Nina holten ihn dann aus dem Zwinger. Alexandra checkte den Mikrochip. Christoph nahm den Vierbeiner, na ja, Gustav hatte halt nur drei davon, im Wagen an und beförderte diesen zusammen mit Inka in die vorbereitete Box. Auch hier wieder diese beeindruckenden Momente: Bei jedem Gang von Solly und Nina bellte das ganze Tierheim: "Nein! Das ist der Falsche. Nehmt mich." Und dann wieder gespannte Ruhe, bis zum nächsten Gang der beiden. Einer nach dem anderen wurde verladen. Merci, Adrian, der alte Nandi, Rocco, der geschundene Setter, Szemle, Fenjes und Rezeda, die Viszlas, und all die anderen begaben sich auf die Fahrt in eine glückliche Zukunft.

 
Sonntag, 19.07.09, 17.43 h

Rasthof Aurach bei Erlangen. Dank angenehmer Temperaturen und der sehr gut funktionierenden Be- und Entlüftung im Laderaum war die Fahrt auch ohne Klimatisierung für die Hunde angenehm. Die im hinteren Bereich angebrachten Temperaturfühler zeigten nie mehr als 23° C an. Mit Marci wurde der erste Hund seinen neuen Besitzern übergeben. Endlich war es soweit, dass der eigentliche Zweck der Fahrt, vollzogen wurde. Das Einladen der Hunde hatte perfekt funktioniert. Um 06.03 Uhr konnte das Canifair-Team die Reise nach Deutschland antreten. Nina bedankte sich so herzlich und aufrichtig, als wenn jeder einzelne Hund, ihr eigener gewesen wäre. Hinter Budapest wurden dann noch einige Hunde und Katzen aus dem Tierheim in Cegled sowie Zsolt, der Dackelmischling, aus einem Tierheim im Südosten Ungarns übernommen. 37 Hunde und 4 Katzen gingen auf große Tour. Regelmäßig wurde allen Tieren Wasser angeboten und die Boxen, die es nötig hatten – und einige hatten es wirklich nötig – wurden gesäubert. Die Fahrt verlief zügig und ruhig. Ein kleines Wunder, dass so viele Hunde auf engstem Raum so ruhig ihrem großen Ziel entgegen sahen. Nach Aurach lagen als nächste Stationen Würzburg, Frankfurt, Limburg und Königsforst bei Köln vor ihnen.

 
Sonntag, 19.07.09, 23.59 h

Rasthof Ohligser Heide an der A 3 bei Düsseldorf. Eine Ansammlung von 30, vielleicht 40 Menschen, gespannt tuschelnd, suchend Richtung Einfahrt schauend, argwöhnig beobachtet von den anderen Gästen den Rasthofes. Eine gespannte Erwartung lag in der Luft.

Der Transport aus Ungarn hatte Verspätung, jetzt schon 1,5 Stunden. "Wann kommen die nun endlich? Geht es meinem Schützling gut? Ist der Hund so, wie ich ihn mir nach den unzähligen Besuchen der Canifair-Homepage vorgestellt habe?" Endlich, der weiße Transporter bog auf den Parkplatz. Die Türen wurden förmlich aufgerissen, um den geduldigen Hunden und Katzen nun schnellst-möglich den Weg in liebende Obhut und vor allem zu einem dringenden Geschäft zu ermöglichen.

Manches freudige "Aah" und "Oooh" wurde ausgestoßen. Vor allen bei denen, die jeder kannte, wie z. B. dem dreibeinigen Gustav.

Epilog

Montag, 20.07.09, 02.28 h

Inka, Alexandra und Christoph schwitzten nicht mehr. Der kühle Wind des Westerwaldes ließ die drei bei 11° C leicht frösteln. Es war geschafft, sie waren wieder zuhause. Eine kurze, aber innige Umarmung, nicht viele Worte zum Abschied. Das Erlebte war wie ein Film, der zu schnell läuft, an ihnen vorbei geflogen. Nur zu gern hätten sie sich von jedem einzelnen ihrer Schützlinge verabschiedet, sie ein letztes Mal gestreichelt, ihnen einen guten Wunsch mit auf den Weg gegeben. Doch sie waren an diesem Tag nur die Nebendarsteller. Wichtig waren die Hunde und Katzen. Und das war gut so.

Ende

Danksagung

Wie jeder Autor eines guten oder auch weniger guten Romans erlaube ich mir an dieser Stelle, ein herzliches Dankeschön an all diejenige auszusprechen, die unsere Fahrt unterstützt haben. Dies sind im Einzelnen: Alexandra II, die das komplette Wochenende auf unsere 4 Hunde aufgepasst hat. Sonja und Angelika, die sie dabei unterstützt haben. Sue, die Alex ebenfalls unterstützt hat und uns Bargeld als Spende überreicht hat. Gaby, die zwei Sack Futter und weitere Sachspenden mitgegeben hat. Heidi, die uns moralisch unterstützt hat und mit führenden Meteorologen Österreichs in Verbindung stand. Renate und Peter, die besten Nachbarn der Welt, die uns den Rasen gemäht haben. Vielen Dank an Inka, für alles.

Liebenscheid im Juli 2009
Christoph Konrad


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